Strategien gegen Einsamkeit
Redebeitrag im Gemeinderat am 29. April 2026
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin und Herren Bürgermeister,
liebe Kolleg*innen und Zuhörende,
liebe Frau Waschler,
vielen Dank für Ihren Bericht und mehr noch für die zugrundeliegenden Initiativen von Ihrer Seite sowie auch allen anderen Beteiligten.
Als sich im Jahr 2019 die Ulmer Denkanstöße mit dem Thema Einsamkeit befassten, empfand ich das als sehr interessant und mit Blick auf individuelle Schicksale auch wichtig, die große gesellschaftspolitische Bedeutung wurde in vollem Umfang aber erst mit der Pandemie und in den letzten Jahren deutlich. Seitdem erscheinen zunehmend Berichte in der Presse darüber sowie Studien, Veröffentlichungen und Vorträge und das Thema gewinnt an Relevanz.
Die Zahl betroffener Personen, wie 30% moderat und 8% stark an Einsamkeit Leidender, über die die Bertelsmann-Stiftung berichtet und insbesondere die noch höhere Quote der Betroffenen im Kindes- und Jugendalter sowie der jungen Erwachsenen im Alter bis 30 Jahren sind erschreckend.
Erschreckend in erster Linie, weil damit ein Leiden für jeden einzelnen betroffenen Menschen verbunden ist.
Zunehmend gelangen auch die Folgen dieses Phänomens in die öffentliche Wahrnehmung – Einsamkeit macht krank, sowohl psychisch wie physisch. Das Risiko psychischer Krankheiten wie Depressionen und Angststörungen bis hin zu erhöhter Suizidalität steigt, zum Teil auch schon im Jugendalter. Auch das Risiko für somatische Krankheiten, z.B. Herz- Kreislauferkrankungen wie hoher Blutdruck, Herzinfarkt, Apoplex oder auch für Diabetes nimmt bei länger andauernder Einsamkeit zu. Dies ist nicht nur für die betroffenen Menschen eine große Last sondern auch für die Gesellschaft.
Sie haben wahrscheinlich alle die Zahlen in dieser Verwaltungsvorlage über die hohen gesundheitsökonomischen Kosten infolge von chronischer Einsamkeit gelesen, die auf Schätzungen in den USA und dem Vereinigten Königreich beruhen. Auch wenn keine entsprechenden Daten zu Deutschland vorliegen, so ist davon auszugehen, dass auch hier die entstehenden volkswirtschaftlichen Kosten durch Krankheiten und Produktivitätsverluste ganz erheblich sind. KI vermutet Milliardenhöhe.
Für uns ist auch nachvollziehbar, welche Gefahren für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sich dadurch entwickeln – wie durch den mit Einsamkeit verbundenen sozialen Rückzug und den Vertrauensverlust gegenüber Mitmenschen und Institutionen eine Abwendung von unserer Gesellschaft entstehen kann, die die Flucht in Verschwörungstheorien und radikale Strömungen wahrscheinlicher macht.
Aus all diesen Gründen begrüßen wir, dass Ulm die Einsamkeit als gesamtgesellschaftliches Problem erfasst hat und Maßnahmen dagegen als ihre Aufgabe sieht. Wenn ich hier „Ulm“ sage, dann meine ich damit nicht nur die Verwaltung sondern auch die vielen Gremien, Organisationen, Verbände, Unternehmen und Initiativen des großen Netzwerks.
Wir als Freie Wähler unterstützen die präventiven Maßnahmen, die schon auf den Weg gebracht worden sind und noch folgen müssen.
Schon lange verfolgen wir als Stadt die Stärkung der Nachbarschaften mit unserer Sozialraum- und Quartiersentwicklung, niederschwelligen Begegnungsorten und Nachbarschaftshilfen, die sowohl individuell ausgerichtet als auch mit Gruppenangeboten auf die Menschen zugehen und soziale Kontakte ermöglichen. Vereine, Verbände und Initiativen bieten viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren und dadurch mit anderen Menschen in Verbindung zu sein und sich dabei als nützlichen Teil der Gruppe zu erleben. Eine wichtige Rolle in Hinblick auf bürgerschaftliches Engagement und die Vermittlung in unterschiedlichste Ehrenämter nimmt auch die Freiwilligenagentur „Engagiert in Ulm“ ein.
Wie die ansteigenden Zahlen Betroffener zeigen, reicht das aber nicht aus.
Die vorhandenen sozialräumlichen Strukturen müssen optimiert werden, um Menschen schon frühzeitig sozial einzubinden. Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung und Sensibilisierung aller Teile unserer Bürgerschaft und zielgruppenspezifische Angebote, die möglichst viele Gruppen unserer Gesellschaft ansprechen und erreichen, müssen verstärkt werden. Netzwerke müssen für Synergien und breite Informationsvermittlung sorgen.
Daher begrüßen wir sehr die in unserer Stadt initiierten Aktivitäten – angefangen beim Netzwerk Einsamkeit und der Plattform „Ulm trifft sich“, über Informations- und Vortragsveranstaltungen wie den Fachtag zum Thema Einsamkeit bis hin zu Projekten, die zu gemeinschaftlichen Aktivitäten aufrufen wie „Gemeinsam unterwegs“ und „Gemeinsam genießen in Ulm“.
Als sehr sinnvoll empfanden wir die große Umfrage, in denen Ulmer Organisationen nach ihren Angeboten und Begegnungsorten befragt wurden – eine Bestandsaufnahme des Vorhandenen bietet Möglichkeiten für Vernetzung und Vermittlung auch in Hinblick auf neue Angebote.
Einen weiteren Aspekt der kommunalen Aktivitäten möchten wir gerade in Zeiten knapper Kassen nicht unerwähnt lassen: wir begrüßen es sehr, dass es gelungen ist, für einige der genannten Aktivitäten Fördermittel zu akquirieren wie Zuschüsse aus dem Europäischen Sozialfonds und Landesmittel.
Abschließend noch einmal herzlichen Dank an Sie für diesen Bericht, an alle Beteiligten für ihre tolle Arbeit und an Sie alle für Ihre Aufmerksamkeit!
Dr. Gisela Kochs, FWG-Stadträtin
29.04.2026
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